Nur ein Besucher


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Nur ein Besucher

Wir sind frei in unseren Entscheidungen, das lese ich immer wieder. Es liegt an uns, die Dinge zu bewerten, die Gedanken zu relativieren, sie ins rechte Licht zu rücken. Es liegt an uns, unser Leben so zu führen, dass sich unsere Situation verbessert, wir können immer den richtigen oder falschen Weg wählen.

Ich habe mich entschieden nicht allein zu bleiben, Freunde zu haben, Beziehungen zu leben.

Krank liege ich im Bett, fiebersenkende Mittel auf dem Nachttisch neben mir. Fiebersenkende Mittel, die immer dort liegen, seitdem ich einmal von Fieberanfällen geschüttelt nicht mehr aufstehen konnte, drei Tage lang, durstig, die Wasserflasche unerreichbar. In jenen Tagen begriff ich, welche Konsequenzen es wirklich hat, allein zu sein, Konsequenzen, die nichts mit Gefühlen zu tun haben. Einsamkeitsgefühle kenne ich schon, seit ich denken kann, den Schmerz, ausgeschlossen zu sein, das Messer, das durch dein Herz fährt.

Aber um solche Gefühle geht es hier nicht.

Allein sein bedeutet, dass man sich um alles selbst kümmern muss, keine Hilfe erwarten kann. Nein, ich leide unter keiner schweren Krankheit, aber jeder Tag, an dem die Gesundheit bedeutet für mich Einzelhaft, keine Möglichkeit, am Leben da draußen teilzunehmen. Mein Lebensgefährte sitzt 750 km weit von mir entfernt weg, ohne die Spur einer Möglichkeit zu mir zu kommen, aber die Telefonate heitern mich auf. Wenigstens verschaffen mir die Medikamente die Möglichkeit, kleinere Besorgungen zu erledigen.

Wie konnte es so weit kommen?

Lieb und nett, aber empfindlich, das war die Rückmeldung, die ich als kleines Kind erhielt. Mein größter Wunsch, Freunde zu finden, blieb mir versagt. Keinen Anschluss zu finden, allein zu sein, gedemütigt werden, sehr schmerzliche Erfahrungen für ein Kind. Ich empfand Freundschaftsgefühle für andere Kinder, konnte mich aber nie mitteilen, vielleicht bemerkte sie niemand, oder sie wurden einfach nicht beachtet, ich weiß es nicht, ich habe auch heute nicht die blasseste Ahnung.

Aber ich blieb nicht immer Kind, ich wuchs heran und kämpfte, gegen meine Tränen, gegen das Ausgeschlossensein. Ich lief Menschen, die ich mochte nach, beobachtete sie, setze und stellte mich neben sie, versuchte mit ihnen zu reden, so gut es ging. Trotzdem, auf Ausflügen im Bus blieb der Platz neben mir lange Jahre leer. Standen die Anderen im Kreis, wurde ich immer unmerklich heraus gedrängt. Manchmal ergaben sich lockere Kontakte, die ich genoss. Für mich war das schon Freundschaft, weil ich es nicht besser wusste, die Erkenntnis, dass ich für sie keine Freundin war, traf mich immer sehr hart. Aber ich war froh, wenigstens geduldet zu werden. In der Pubertät vertieften sich einige Beziehungen zu andere Menschen etwas, was für mich die Rettung war. Einer Jugendgruppe schloss ich mich an, was mir einige Einladungen zu Partys einbrachte. Als diese Zeit vorüber war, blieben die Einladungen aus, mir wurde gewahr, dass ich nur als Mitglied in jeder Gruppe eingeladen wurde. Dennoch verbrachte ich eine tolle Zeit, ohne Einsamkeitsgefühle und zwei Freundschaften blieben trotzdem noch bestehen. Diese zerbrachen wenige Jahre später aus nichtigem Grund, Vorwände, gegen die ich allerdings nicht ankam. Wahrscheinlich wurde ich zu lästig, da ich sehr klammerte, ich hatte doch sonst nichts. In den folgenden Jahrzehnten studierte ich, stieg ins Berufsleben ein, schloss mich verschiedenen Vereinen an, engagierte mich politisch, nahm in verschiedenen Bereichen Ehrenämter an und erreichte somit einen doch ansehnlichen Bekanntenkreis. Freundschaften ergaben sich vereinzelt, zerbrachen aus den verschiedensten Gründen. Mehrmals bekam ich die Rückmeldung, ich wirke auf andere Menschen irgendwie komisch, seltsam, doch niemand konnte mir genau erklären, was er denn genau damit meine, niemand konnte mir sagen, was ich denn anders machen müsste. Immer wieder fing ich von vorne an, scheiterte, stand wieder auf, fiel wiederum auf die Nase, nahm neuen Anlauf. Wen ich mochte, dem blieb ich treu, allerdings kam immer wieder der Moment, in dem diese Treue einseitig wurde und ich nur noch auf den Rücken des anderen blicken konnte. Die tiefe Verbundenheit, die ich für meine Freunde empfand erfuhr oft nicht die gleiche Erwiderung, viele Menschen würden unter echter Freundschaft etwas anderes verstehen. Kontaktarm, eher ruhig und langweilig, schweigsam, Eigenschaften, die es nicht gerade erleichtern in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. An jeden Ort, an den ich mich begab, stellte ich fest, dass alle Anderen scheinbar leichter Beziehungen knüpfen konnten als ich selbst. Diesen Gedanken verdrängte ich immer wieder, aber im Grunde genommen stimmte er mich doch sehr traurig. Meine enormen Anstrengungen, die in mir liegenden Gründe zu erkennen und beseitigen, meine Persönlichkeit weiter zu entwickeln, führten doch zu einem gewissen Erfolg, dennoch stand ich eher am Rande. Heute wirke ich auf meine Umwelt weniger merkwürdig, als früher, werde akzeptiert und nicht mehr nur geduldet. Attraktiver wirke ich wohl. Leider gönnte mir mein Schicksal keine Kinder, aus dem gebärfähigen Alter bin ich schon raus, meinen jetzigen Partner lernte ich zu spät kennen.

In meinem Leben nahm ich am Leben anderer Menschen nur als Gast teil, als ungebetener oder gebetener. Ich kam in das Leben der Anderen hinein, durfte mich ein wenig umschauen und musste dann wieder gehen.

Niemand besuchte mich, ich verbrachte mein Leben als Besucher. Das möchte ich ändern – immer noch.

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5 Antworten zu Nur ein Besucher

  1. tompressure schreibt:

    Das Du dich besuchst setzt voraus, dass Du jemand bist. Und dann bist Du kein Besucher mehr.

    • einsichtssache schreibt:

      Es geht nicht darum, mich zu besuchen. Ich bin bei mir selbst, das ist und war nie das Problem, nein, es waren die anderen Menschen, zu denen ich keinen Zugang fand. Es ist und war auch nie das Problem, jemand zu sein, irgend jemand ist man immer in den Augen der anderen. Es geht um Beziehungen, die fehlschlagen und die Konsequenzen daraus, zu denen auch Depressionen gehören, wie du dir sicher vorstellen kannst. Der Mensch ist nicht darauf angelegt, allein zu leben. Der „einsame Wolf“ entscheidet sich nicht immer freiwillig dafür, einsamer Wolf zu sein. Wer diesen Weg freiwillig wählt, hat immer sein Rudel im Hintergrund, sonst handelt es sich nicht um eine freie Entscheidung.
      Mir fehlt mein Rudel.

  2. traeumerleswelt schreibt:

    Erkenne mich in vielem wieder, sei es in der Schulzeit oder auch später als Erwachsener.
    Man versucht dagegen anzukämpfen, offener auf andere zuzugehen und ist sich doch fremd in diesem Augenblick – zumindest geht es mir so. Es fällt schwer aus der eigenen Haut zu schlüpfen, um anderen zu gefallen, aber will man das wirklich…

  3. fridakopp schreibt:

    Ich habe mich auch lange als Außenseiterin gefühlt, und das begann schon in der Familie.
    Wichtig ist vor allem, erstmal sich selbst zu akzeptieren, auch mit Empfindsamkeit und Introvertiertheit.
    Du schreibst: „… doch niemand konnte mir genau erklären, was er denn genau damit meine, niemand konnte mir sagen, was ich denn anders machen müsste.“
    Damit vor allem kann mensch sich selbst im Wege stehen: „Wie möchten die anderen mich haben? Was erwarten sie von mir?“

  4. sophie0816 schreibt:

    ich mag deine ehrliche auseinandersetzung mit dir und wie du mit deinen wort ein bild zeichnest, welches ich fühlen kann.

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