Heulsuse


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Gudrun schließt die Tür, niemand kann sie dahinter sehen. Gudrun weint leise, beim geringsten Geräusch hält sie den Atem an. Sie sitzt nicht hinter irgendeiner Tür, sie sitzt hinter der Toilettentür. Kein Raum also, den wir uns als besonders kuschelig vorstellen. Für Gudrun bedeutet die Toilettenkabine Schutz, Schutz vor weiteren Nachstellungen, Beleidigungen. Gudrun versteckt sich, weint und verspürt einen leisen Stolz, ihre Tränen so lange zurückzuhalten, bis sie aus dem Sichtfeld der anderen verschwinden kann. Ihr Leben verbessert sich stetig, seitdem sie sich verbirgt. Keine genervten Kommentare mehr, kein Nachtreten, das lustige Spiel, ihre Tränen zu provozieren wird uninteressant. Gudrun beruhigt sich, die Luft ist rein, nun kann sie zum Waschbecken gehen und ihr Gesicht mit Wasser spülen. Ein kurzer Kontrollblick in den Spiegel, die Rötung nicht mehr sichtbar, nun geht sie nach draußen. Zu ihren Freundinnen gesellt sie sich, Mädchen, die endlich mit ihr reden, weil sie nicht mehr weint, Mädchen, die sie manchmal verteidigen, gegen die Beleidigungen und hämischen Worte. Gudrun lernt, mit anderen Menschen zu reden, wird nicht mehr ausgegrenzt. Bald verschwinden die Tränen.

Jahre später schweifen Gudruns Augen fassungslos über die Seiten eines Psychologie-Buches. Kinder, die weinen – steht dort – wollten Aufmerksamkeit. Gudrun erinnert sich an das Gefühl, inmitten der Menge zu stehen, am liebsten im Boden zu versinken, die Tränen zurückzuhaltend, die dann doch aus ihr herausbrachen, ungewollt, der Konsequenz bewusst, abgelehnt zu werden, wegen der Tränen, wegen des Stempels „Heulsuse“. Der sehnlichste Wunsch, endlich stark zu ein, endlich diese Tränen loszuwerden, die Scham nicht mehr zu spüren, der Wunsch, der ihr erst viele Jahre später erfüllt werden sollte.

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